Deine AusZeit der Achtsamkeit
in den Wochen vor Weihnachten ist mir ein Satz begegnet, der mich seitdem nicht mehr losgelassen hat. Er hat sich so tief in meine Gedanken gewebt, dass ich ihn schließlich mit einem Weißstift direkt auf die Glasfläche meiner Küchenterrassentür geschrieben habe. Dort steht er nun und erinnert mich bei jedem Blick in die Winterwelt an eine Wahrheit, die beginnt, meinem Sein und meinen Handlungen eine neue Sinnhaftigkeit zu verleihen.
Es ist jener kraftvolle Gedanke des Augustinus, den später auch Hannah Arendt als Kern menschlicher Freiheit begriff:
„Initium ut esset, creatus est homo, ante quem nullus fuit.“
(„Damit ein Anfang sei, wurde der Mensch geschaffen, vor dem keiner war.“)
Was bedeutet diese Botschaft für uns, gerade jetzt?
Sie erinnert uns daran, dass wir nicht nur dazu da sind, das Vorhandene zu verwalten oder das Leben lediglich in seinen alten Bahnen zu reproduzieren. Durch bloße Gewohnheit wiederholen wir nur das Vergangene. Doch der Mensch ist das einzige Wesen, das mit seiner Freiheit aktiv in die Schöpfung eingreift. Erst diese Freiheit befähigt uns zum echten Handeln, und in dieser Selbstbestimmung liegt unsere eigentliche Würde: Wir sind – als Menschen – der Anfang selbst.
Die existenzielle Wucht des Anfangs
Dieses Bewusstsein – ich bin der Anfang für etwas Neues in der Welt – rüttelt uns mit einer Wucht wach, die schockieren und überfordern kann. Allzu oft geben wir die Macht über unseren eigenen „Anfang“ ab, um dem Gewicht der Freiheit zu entgehen. Wir flüchten uns in die bloße Reproduktion des Bestehenden und lassen andere über uns bestimmen – ob Partner, Vorgesetzte oder Institutionen. Wir geben unsere schöpferische Kraft an der Garderobe der Gewohnheit ab.
Im Grunde verweigern wir unsere Verantwortung immer dann, wenn wir uns über die Umstände beschweren. In diesem Klagen entziehen wir uns dem Ruf, unser würdevolles Menschsein aktiv zu leben und selbst zur Veränderung zu werden. Verantwortung zu übernehmen bedeutet hier, die Passivität zu durchbrechen: durch ein radikales „Ja“ zu unseren Werten und ein aufrichtiges „Nein“ zur Wahrung unserer Grenzen sowie der Unantastbarkeit des anderen – eine Haltung, die die gesamte Schöpfung mit einschließt.
Die Welt gestaltet sich neu, wo jemand beginnt
Jede Handlung, jedes bewusste menschliche Tun birgt das Potenzial, etwas zu verändern. Die Welt gestaltet sich dort neu, wo jemand beginnt, anders zu handeln als zuvor. Der Gedanke des Neuanfangs lädt uns ein, innezuhalten und zu fragen:
- Wo gestalte ich – und wo funktioniere ich nur noch?
- Wo wiederhole ich Muster, die mir längst nicht mehr entsprechen?
- Und wo wäre es an der Zeit, etwas Neues zu beginnen – das Anfangen in die Welt zu bringen – nicht als Last, sondern als der lebendige Ausdruck meiner Freiheit?
Ein solcher Neubeginn ist erregend. Er liegt außerhalb des Bekannten und Gewohnten. Wenn wir uns auf diesen Aufbruch wirklich einlassen, wenn wir das Unbekannte zulassen, dann beginnen Schmetterlinge im Bauch zu tanzen.
Vom Wagnis zum lebendigen Anfang
In der Praxis zeigt sich das oft in kleinen Schritten. Im ehrlichen Hinterfragen des eigenen Weges. Im Mut, innezuhalten und zu spüren, ob etwas noch stimmig ist. Im Loslassen alter Haltungen, um Raum für Neues entstehen zu lassen. Und manchmal auch im Wagnis, etwas zu tun, das sich ungewohnt anfühlt, aber innerlich richtig. So wird jede einzelne Handlung zu einem möglichen Anfang. Nicht perfekt, nicht endgültig – aber lebendig und wahrhaftig.
Wann gäbe es einen symbolträchtigeren Moment für diesen Aufbruch als jetzt zum Jahresbeginn? Für mich fühlt es sich so an, als hätte mein Sein durch die Worte an meiner Glastür eine weitere Tonspur erhalten, eine neue Saite, die mitschwingt und mich neu stimmt. Es ist eine Spannung, die deutlich in Richtung Hoffnung weist – darauf, dass uns im Neuen etwas beisteht, wenn wir nur den Mut haben, selbst zu beginnen.
Ich möchte dich einladen, diesen inneren Raum des Anfangens wieder zu betreten. Nicht mit Vorsätzen, die Druck erzeugen, sondern mit einer Haltung der Offenheit und der Neugier darauf, was entstehen kann, wenn du dir erlaubst, neu zu beginnen – genau dort, wo du gerade stehst.
Wenn wir nun gemeinsam in dieses noch ungeschriebene Jahr aufbrechen, möchte ich dir für dieses von Herzen ein frohes, lichtvolles und mutiges neues Jahr wünschen.
Möge 2026 für dich ein Jahr werden, in dem du nicht nur in alten Mustern funktionierst, sondern aktiv mit dein Leben und die Welt gestaltest. Ich wünsche dir die Gelassenheit, Altes in Frieden ziehen zu lassen, und die Begeisterung, deine eigenen „Anfänge“ mit Freude zu begrüßen. Mögen die tanzenden Schmetterlinge dein ständiger Kompass sein, wann immer du dich für deine Freiheit entscheidest.
Auf ein Jahr voller lebendiger Momente und wahrhaftiger Begegnungen!